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cherry flavoured atrocities

Archive for the ‘kurzgeschichte’ tag

Cyb3rpunk | Downtown NC Blues 2035

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„Ground Zero“ heißt das Bauloch, wo die Arasaka-Zwillingstürme von Night City einst standen. Nicht sehr kreativ, aber auch nicht unzutreffend. Die Bilder des Einsturzes waren sich mit Ausnahme von deren Ursache – 2001 waren es noch von islamistischen Terroristen gesteuerte Flugzeuge, heute haben wir uns zu einem (angeblich) in der Tiefgarage gezündeten Nuklear-Sprengsatz von Cyberterroristen weiterentwickelt – wirklich sehr ähnlich. Staubwolke. Geschrei. Tote. Medienrummel. Ein Millionen-Song. Merchandise. Drei erfolgreiche Movies. Oscarverleihung. TV-Dramen. Das ganze Programm.

Im Allgemeinen stehe ich dem Loch zwiespältig gegenüber. Heute schräg. Ich hocke in meinem Americar Scooter, blicke kurz ins rote Licht des silbernen, zylinderförmigen EBB Credscanners, bezahle per Retina meine Nachos und schicke den Straßenverkäufer seines Weges. Irgendwo hinter mir hupt es. Davon geht der Stau auch nicht schneller weg. Kostet den Hupenden aber 5 eb, wenn er es noch mal macht. Automatisch. Die Warnung dürfte ihm grade eingeblendet werden. Als Scrolltext unter dem TV-Fenster, das bei ihm – wie bei mir, wie bei allen, die kein Preboot-Car fahren – den größten Teil der Windschutzscheibe füllt. Während der Autopilot immer mal wieder schrittchenweise weiterfährt. Mein Scrollbalken warnt mich, dass Nachos nicht gut für mich sind. Aber da ich ja wenig Zeit habe, könne schon ein BioLife PowerBar™ mit Stoffwechselbooster helfen, überflüssige Pfunde erst gar nicht entstehen zu lassen. Eine Nachricht der Temple IG für BioTechnica. Macht das Leben lebenswert.Ich lese die Werbung schon gar nicht mehr. Im ersten Jahr seit dem Reboot, dem großen Neustart der Wirtschaft und des Lebens nach der EMP Blockade der Orbitalen und dem Ende es Steinbrocken-Krieges, machte es mir noch ziemlich zu schaffen. All die personalisierte, direkt an mich gerichtete Werbung auf den Straßen von Downtown. All die Cams, Scanner und Sniffer, die man bisher nur aus den vornehmen CorpZones der Suburbs kannte. Und die jetzt, wo Night City Central selbst zur CorpZone geworden ist, auch mich erfassen, analysieren und den umliegenden Werbetafeln und Mobiles die für mich passende Botschaft zufiltern.Ja, durch Downtown zu fahren hat sich definitiv geändert. Ich meine, hey, DT war nie ne schlechte Gegend, aber spätestens Nachts wurde nur zu offenbar, dass die Kontrolle durch die NCPD definitiv ihre Grenzen hatte. Jetzt schmeißt die CorpSec den Laden hier – eine zusammengelegte Truppe früher nach Firmen getrennter Konzernsicherheitskräfte, die häufiger gegeneinander als gegen Outsider und Punks kämpften. Well, nicht mehr. Die Quasi-Befriedung des Wettbewerbs untereinander hat auf Seiten der Corps ungeheure Manpower und Equipment freigestellt, das nun gepoolt und zum Schutz der Kon-Interessen eingesetzt werden kann. Pech, wenn man da den falschen Sponsor hat.

Mein Sponsor ist MallMart Platinum. Nichts Besonderes. Nichts, womit man in bevorzugte Corp Bereiche vorgelassen würde, gewiss nichts, was einem eine gute Stellung, die richtigen Freunde, die wichtigen Connections beschafft. Aber die Platinkarte dieses offenen, das heißt: für jeden gegen einfache Bezahlung zugänglichen Sponsors zeigt zumindest, dass ich regelmäßig mein Abo zahle und somit „geschäftswürdig“ bin. Und das ist das Zauberwort der Nach-2030er. Read the rest of this entry »

Written by rabenaas

March 11th, 2008 at 2:11 am

Craphound von Cory Doctorow übersetzt

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“Craphound”, eine Geschichte von Cory Doctorow (den man u.a. als Autor von boing-boing kennt) steht unter einer cc-Lizenz. Das erlaubt es z.B. auch, die Geschichte ohne rechtliche Probleme zu übersetzen. Christian Spließ hat das gemacht, jetzt steht die Geschichte auf deutsch zur Verfügung. Danke!!! Auch die Übersetzung steht unter der cc-Lizenz. Bedeutet also, dass man die Geschichte auch umarbeiten darf, etwa ihr ein anderes Ende geben – wenn man mag. Großartig!!! Ich zitiere aus dem Anfang der Geschichte, um euch den Mund wässrig zu machen:

Craphound hatte für einen verfluchten dreckigen Alien-Bastard ein abgefahrenes Garagenflohmarkt-Karma. Er war einfach zu gut darin aus einem rasenden Fluss der Nutzlosigkeit das einzige Körnchen Gold herauszuwaschen als dass ich ihn nicht hätte mögen können – oder jedenfalls respektieren. Aber dann fand er die Cowboy-Truhe. Für mich waren das zwei Monatsmieten und für Craphound nichts als ein verrückter Alien-Kitsch-Fetisch. Also tat ich das Undenkbare. Ich verletzte den Code. Ich geriet in einen Bietkrieg mit einem Kumpel. Lasst euch nicht erzählen Frauen würde Freundschaften vergiften; laut meiner Erfahrung heilen die Wunden von Auseinandersetzungen über Frauen recht schnell; Auseinandersetzungen über Schrott hinterlassen nichts als verbrannte Erde.

Die ganze Geschichte gibt es auf deutsch hier, auf englisch dort.

Written by cyberpunk2020

November 5th, 2007 at 8:07 am